Das Seminar zur Nachkriegsmoderne in Berlin beschäftigte
sich in zwei Semestern
mit der Stadtentwicklung und den baulichen Zeugnissen
der Wiederaufbauplanungen
der Stadt nach 1945.
Als Endpunkt der Betrachtungen wurde das Jahr 1961
gewählt,
in dem durch den Bau der Mauer die vorläufige
Trennung der Stadt vollzogen wurde.
Bei einer näheren Betrachtung des Themas verwischen
die Grenzen,
in denen sich inhaltliche und formale Eigenheiten
der Aufbauplanungen fassen lassen.
Schon in den seit 1943 durch den Planungsstab von
Albert Speer
in Wriezen erarbeiten Grundsätzen zum Wiederaufbau
der
kriegszerstörten Städte dominierte nicht
mehr eine Stadtvorstellung,
die durch Großbauten, Foren und axiale Planungen
ihre Prägung fand.
An ihre Stelle traten aufgelockerte Siedlungseinheiten,
die in der von Ernst Neufert im Auftrage Speers entwickelten
Bauentwurfs- und -ordnungslehre eine normengerechte,
pragmatische und funktionale Vorprägung fanden.
Die von Bernhard Reichow entwickelten neuen Städte
zur
Besiedlung der eroberten Ostgebiete konnten modifiziert
zur
Grundlage einer Wiederaufbauplanung in der kriegszerstörten
Heimat werden.
Aus den Planungserfahrungen des untergehenden Dritten
Reiches
entstand 1948 Reichows Buch „Organische Stadtbaukunst.
Von der Großstadt zur Stadtlandschaft“,
die darin erarbeiteten Thesen
einer durchgrünten, offenen Wohnstadt kamen 1954
in der Entwicklung
der Bielefelder Sennestadt und der 1957 geplanten
Bremer Satellitenstadt Neue Vahr zur Ausführung.
Vorstellung von der Stadt jenseits der historisch
ererbten
Vorstellungen prägten schon die Debatten der
Moderne vor 1933,
auch hieran lässt sich anknüpfen, wenn man
über den
Wiederaufbau nach dem Krieg im Sinne einer Fortführung
architektonischer Ideen und Grundsätze sprechen
will.
Eine Vielzahl der nach 1945 in Deutschland tätigen
Architekten
hatten ihre Wurzeln in zwei Gesellschaftssystemen,
der Weimarer Republik und im nationalsozialistischen
Deutschland.
Die an sie gestellte Aufgabe bestand im Nachkriegsdeutschland
in der Mitwirkung an
der baulichen Ausprägung einer neuen
Gesellschaftsform, die in der politischen Trennung
der deutschen
Teilstaaten zunehmend differierte.
Berlin wurde zum Austragungsort einer Auseinandersetzung,
die sich in städtebaulicher und architektonischer
Hinsicht ein Bild zu
geben versuchte, das als Ausdruck der zu Grunde liegenden
gesellschaftlichern Ordnungsprinzipien verstanden
sein sollte.
Die Betrachtung der Planungen zum Wiederaufbau ist
aus dem
Abstand von mehr als 40 Jahren vielschichtig:
Die grundlegenden städtebaulichen Strukturen
und Bauten, die
noch heute in weiten Teilen den Stadtraum prägen,
sind als
bauliche Zeugnisse ihrer Entstehungszeit erhalten,
ihren Wert
beziehen sie aus den historischen und politischen
Ereignissen,
denen sie entstammen und denen sie Form gegeben haben.
Darüber hinaus sind sie ein Ansatzpunkt, über
die Traditionen
architektonischer und städtebaulicher Planungskultur
des zwanzigsten Jahrhunderts nachzudenken.
Aus der zeitlichen Distanz lassen sich sowohl die
vorangehenden
Entwicklungstendenzen aufzeigen, als auch die aus
den
planerischen Entscheidungen und Weichenstellungen
resultierenden
Konsequenzen erkennen.
Ein für Architekten wesentlicher Gesichtspunkt
in der
Auseinandersetzung mit der Geschichte der Stadt und
der Geschichte
ihrer Bauten liegt in der Entwicklung und Vermittlung
von der die eigene Arbeit betreffenden Wertzusammenhänge,
der Frage nach der Entstehung von formalen und strukturellen
Lösungen in Bezug auf die gesellschaftlichen
und baulichen
Aufgaben der Zeit und die kritische Auswertung bestehender
stadträumlicher und architektonischer Artefakte.
Ziel des Seminars war es daher, der Betrachtung und
Auswertung der Berliner Nachkriegsmoderne ein historisches
Fundament zu geben, von dem aus eine Auswahl von Bauten
und
stadträumlichen Situationen näher untersucht
werden konnte.
Die Gliederung des ersten Semesters sah daher folgende
Themenschwerpunkte vor:
Kriegszerstörung und Wiederaufbau
- Ausmaß der Kriegszerstörungen
- Politische Entwicklung
- Wirtschaftslage
- Gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung
- Entwicklung in Ost- und West-Berlin
- Systemkonkurrenz
Städtebau
- Wiederaufbauplanungen bis 1945
- Wiederaufbauplanungen seit Kriegsbeginn
- Die Stadtlandschaft als Leitbild
- 16 Grundsätze des Städtebaus
- Hauptstadtwettbewerb 1957
- WB Rund um den Zoo
- Interbau und Stalinallee (hierzu
download: Referat über Interbau/Hansaviertel)
Architektur
- Tradition und Moderne
- Vom Stellenwert und Umgang mit der Geschichte
- Architektonische Vorbilder
- Der Formenkanon der 50er
- Materialästhetik und Rasterbauweise
- Privatwirtschaftliche Repräsentationsbauten
und Bauten für die Demokratie
Design
- Das Lebensgefühl der 50er Jahre
- Innenarchitektur
- Produktdesign
- Zeitschriften und Bildmedien
Die Beschäftigung mit den Voraussetzungen und
Leitideen des Wiederaufbaus
verknüpfte sich mit der Erarbeitung der Planungsgeschichte
von Bauten
und Ensembles der Zeit zwischen 1945 und 1961 in Berlin.
Dabei wurde eine Liste mit 65 „Klassikern“
erarbeitet, die bereits heute im
Berliner Kontext einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht
haben und als Zeugnisse ihrer Entstehungszeit anerkannt
sind.
Neben diese Bauten treten die von uns als „Trouvaillen“
benannten
Bauten, die sich einer öffentlichen Rezeption
meisten Teils noch
entziehen.
Auch hier wurde die Planungsgeschichte – zumeist
aus den Bauakten –
ermittelt und ihre intendierte und heutige Wirkung
im
Stadtraum, ihr Erhaltungszustand und ihr architektonischer
Wert taxiert.
Aus der Sammlung ergibt sich ein breites Spektrum
von Bauten,
die helfen können, eine Zeitschicht der Berliner
Stadtentwicklung
aufzudecken und erfahrbar zu machen. Neben der
wertschöpfenden Auseinandersetzung mit diesen
Bauten
entwickelt sich auch ein Repertoire möglicher
Lösungen im Hinblick
auf die eigene entwurfliche Arbeit im städtischen
Raum,
dienen die erarbeiteten Erfahrungen auch als Modell
für die
Gestaltung von Raum, Körpern, Grundrissen und
Fassaden in
der Arbeit zukünftiger Architekten.
Darüber hinaus sensibilisiert das Wissen um die
Wertigkeit und
Hintergründe dieser Bauten den konservatorischen
Umgang im
Sinn einer Bestandspflege und schafft die Grundlage
für eine
professionellen Herangehensweise an die Bauten durch
mögliche
Erweiterungen im zukünftigen Arbeitsfeld „Bauen
im Bestand“.